Neuüberlegung von Gewalt in der menschlichen Evolution

Wenige Annahmen über die menschliche Natur haben sich als so hartnäckig und folgenreich erwiesen wie die Idee, dass Gewalt ein Kernmerkmal unseres evolutionären Erbes ist. Von Hobbes' Krieg aller gegen alle bis zu evolutionspsychologischen Berichten über territoriale Aggression hat die Vorstellung, dass Menschen biologisch zu Gewalt veranlagt sind, alles beeinflusst – von der Strafjustizpolitik bis zur Theorie der internationalen Beziehungen. Neue Forschung der University of Lincoln stellt diese Annahme durch eine systematische Neuanalyse der evolutionären, archäologischen und anthropologischen Beweise in Frage.

Die Debatte zwischen unbeschriebenes Blatt und Killer-Ape-Theorie

Die wissenschaftliche Debatte über menschliche Gewalt verläuft zwischen zwei Polen. Am einen Extremum steht die Ansicht, dass menschliche Aggression in erster Linie ein Produkt von Kultur und sozialem Umfeld ist, wobei die Biologie eine untergeordnete Rolle spielt. Am anderen Extremum steht die Killer-Ape-Hypothese – verbunden mit Raymond Dart und später popularisiert von Konrad Lorenz – die besagt, dass menschliche Gewalt eine evolutionäre Anpassung ist, die gewählt wurde, weil sie unseren Vorfahren reproduktive Vorteile verschaffte.

Kein Extremum hat in der modernen Evolutionsforschung robuste Unterstützung gefunden, aber die Killer-Ape-Formulierung hat sich im öffentlichen Diskurs als besonders hartnäckig erwiesen. Die Vorstellung, dass wir von aggressiven, territorial konkurrierenden Affen abstammen, die sich ihren genetischen Erfolg erkämpften, bietet ein faszinierendes Narrativ – und findet anscheinende Unterstützung in den Gewaltquoten, die in einigen Schimpansen-Populationen beobachtet werden. Aber die Lincoln-Forschung argumentiert, dass diese Formulierung die evolutionären Beweise grundlegend falsch interpretiert.

Das Problem des Schimpansen-Vergleichs

Ein großer Teil des evolutionären Arguments für menschliche Gewalt stützt sich auf Vergleiche mit unseren nächsten Primatenverwandten, besonders mit gewöhnlichen Schimpansen, die sich an tödlichen intergruppalen Überfällen beteiligen. Da Schimpansen und Menschen etwa 98,7 % ihres Genoms teilen, werden in Schimpansen beobachtete Verhaltensweisen oft als Fenster in unsere tiefe evolutionäre Vergangenheit präsentiert. Das Lincoln-Team identifiziert mehrere methodische Probleme mit dieser Schlussfolgerung.

Erstens sind Bonobos – gleich nahe Verwandte – deutlich weniger aggressiv als Schimpansen und nutzen umfangreiche Kooperation und sexuelles Verhalten als Konfliktlösungsmechanismen. Warum sollte man Schimpansen eher als Bonobos als relevanteren evolutionären Vergleich heranziehen? Die Wahl spiegelt einen Bestätigungsfehler wider, wie sich die Literatur entwickelt hat, und nicht ein grundlegendes evolutionäres Argument. Zweitens variieren die Quoten tödlicher Gewalt in Schimpansen-Populationen enorm und sind empfindlich gegenüber ökologischen Bedingungen, besonders in Bezug auf Nahrungsverfügbarkeit. Gewaltquoten, die in absoluten Zahlen hoch aussehen, können spezifische Umweltstressoren widerspiegeln, statt eine stabile entwickelte Veranlagung auszudrücken.

Archäologische Beweise neu bewertet

Die fossile und archäologische Aufzeichnung bietet direkte Beweise für Gewalt in frühzeitlichen menschlichen Populationen, aber die Lincoln-Forschung argumentiert, dass diese Beweise systematisch überinterpretiert worden sind. Die Quoten von Skelettverletzungen in prähistorischen Populationen sind stark variabel über Stätten, Zeiträume und ökologische Kontexte hinweg. Stätten mit hohen Quoten von Gewalttraumata konzentrieren sich in Perioden von Ressourcenmangel, Bevölkerungsdichtezunahmen und sozialen Störungen – was suggeriert, dass Gewalt Umweltbedingungen folgt, anstatt einen unveränderlichen biologischen Antrieb auszudrücken.

Die Forscher bemerken auch, dass die friedlichsten ethnographisch dokumentierten Jäger- und Sammlergesellschaften oft die geringsten archäologischen Spuren hinterlassen, weil ihre kleinen, mobilen Populationen nicht die Skelettkörper produzieren, die Stätten von Massengewalt schaffen. Stichprobenfehler in der archäologischen Aufzeichnung können systematisch gewalttätige Ereignisse im Vergleich zum friedlichen Baseline des täglichen Lebens in kleinmaßstäblichen Gesellschaften überrepräsentieren.

Kooperation als evolutionäre Grundlage

Der von dem Lincoln-Team vorgeschlagene alternative Rahmen betont kooperatives Sozialverhalten als mindestens so wichtige evolutionäre Anpassung wie jede Gewaltfähigkeit. Der Erfolg unserer Spezies im Vergleich zu anderen Homininen beruht wesentlich auf kumulativer Kultur, großmaßstäblicher Kooperation zwischen Nicht-Verwandten und raffinierten sozialen Normendurchsetzungen – von denen keine mit einer Grundlage von durchdringender gewalttätiger Konkurrenz vereinbar ist.

Gewalt ist in dieser Sicht eine bedingte Strategie, die unter spezifischen Umständen eingesetzt wird – besonders bei Ressourcenmangel, intergruppaler Bedrohung und Normenzusammenbruch – eher als Ausdruck eines entwickelten Antriebs, der aktive Unterdrückung erfordert. Die Unterscheidung ist für die Politik ungeheuer wichtig. Theorien biologisch verankerter Gewalt führen zu fatalistischen Rahmenbedingungen, in denen Interventionen nur den Ausdruck von Gewalt bewältigen können. Kontextuelle Theorien suggerieren, dass Gewaltbekämpfung erfordert, die Bedingungen zu ändern, unter denen sie entsteht: materielle Entbehrung reduzieren, soziale Kohäsion stärken und legitime Institutionen aufrechterhalten, die Streitigkeiten ohne Gewalt lösen.

Dieser Artikel basiert auf Berichterstattung von Phys.org. Lesen Sie den Originalartikel.