Forschende in Spanien haben einen detaillierten Multiomik-Atlas des embryonalen Mausthalamus erstellt. Er ermöglicht eine neue Rekonstruktion darüber, wie neuronale Zelltypen in dieser wichtigen Hirnregion während der Entwicklung entstehen.

Die in Nature Neuroscience veröffentlichte Arbeit wurde von einem Team des Instituts für Neurowissenschaften geleitet, einem gemeinsamen Zentrum des spanischen Nationalen Forschungsrats und der Miguel-Hernández-Universität Elche. Untersucht wird, wie Zellen im sich entwickelnden Thalamus unterschiedliche Wege einschlagen und spezialisierte Identitäten erwerben.

Die Studie identifiziert außerdem das Gen Sp9 als entscheidenden Regulator für die korrekte Entstehung der Identität visueller Neuronen. Damit wird ein konkreter genetischer Faktor mit der Entwicklung von Zellen verbunden, die an der visuellen Verarbeitung beteiligt sind.

Ein wichtiges Relais- und Organisationszentrum

Der Thalamus wird häufig als Relais zwischen eingehenden Informationen und der Großhirnrinde beschrieben, seine Rolle ist jedoch umfassender. Er integriert sensorische Signale und trägt zur Organisation sensorischer Karten bei. Seine zahlreichen Kerne enthalten neuronale Gruppen mit spezialisierten sensorischen, motorischen und assoziativen Funktionen.

Wie diese Kerne während der Embryonalentwicklung entstehen und wodurch die Identität ihrer Neuronen festgelegt wird, sind zentrale Fragen. Der neue Atlas beantwortet sie, indem er Entwicklungsverläufe verfolgt und genetische Programme identifiziert, die mit der Zelldifferenzierung verbunden sind.

Den Forschenden zufolge beginnen sensorische Neuronen sowie Neuronen mit motorischen und assoziativen Funktionen bereits sehr früh, unterschiedliche Entwicklungswege einzuschlagen. Diese frühe Trennung deutet darauf hin, dass die funktionelle Organisation des Thalamus in Programmen verwurzelt ist, die vor der Ausbildung der reifen Schaltkreise beginnen.

Forschende erstellen den ersten Multiomik-Atlas des sich entwickelnden Thalamus und zeigen, wie seine neuronalen Kerne entstehen
Fluoreszenzbild des embryonalen Mausthalamus. Es zeigt, wie sich Vorläuferzellen teilen und in frühen Phasen der Gehirnentwicklung neue Zellen hervorbringen.

Was ein Multiomik-Atlas ergänzt

Ein solcher Atlas verbindet mehrere Ebenen biologischer Informationen und liefert ein umfassenderes Bild sich entwickelnder Zellen als eine einzelne Messung. Die Arbeit rekonstruiert die Wege, auf denen sich Vorläuferzellen teilen und schließlich unterschiedliche neuronale Populationen bilden.

Die Quellen beschreiben den Atlas als erste Multiomik-Rekonstruktion des embryonalen Mausthalamus. Er ermöglicht zu untersuchen, wie bestimmte Zelltypen entstehen, wie Entwicklungszustände zusammenhängen und welche genetischen Programme ihre Differenzierung begleiten.

Das ist wichtig, weil der Thalamus nicht aus einer einheitlichen Klasse von Neuronen besteht. Seine Kerne enthalten spezialisierte Populationen, die mit unterschiedlichen Aufgaben verbunden sind. Zu verstehen, wie sie entstehen, ist Voraussetzung dafür, die spätere Verarbeitung sensorischer Informationen, motorische Funktionen und assoziative Verarbeitung zu erklären.

Frühe Trennung der Entwicklungswege

Eine zentrale Erkenntnis ist, dass sich die Entwicklungsverläufe von Neuronen mit sensorischen Funktionen früh von jenen mit motorischen und assoziativen Funktionen unterscheiden. Das Ergebnis weist auf eine frühe Organisationslogik der Thalamusentwicklung hin.

Der Atlas erlaubt es, die Entstehung dieser Identitäten zu verfolgen, statt nur die fertigen Zelltypen zu betrachten. Für die Entwicklungsneurowissenschaft ist das wertvoll: Ein reifes Gehirn zeigt, welche Neuronen vorhanden sind; eine Entwicklungsrekonstruktion zeigt, wie sie entstanden und welche Genexpressionsprogramme aktiv waren.

Ermöglicht wurde die Arbeit durch die Zusammenarbeit des von Guillermina López-Bendito geleiteten Labors für Entwicklung, Plastizität und Reprogrammierung sensorischer Schaltkreise mit dem von José López-Atalaya geleiteten Labor für Zellplastizität und Neuropathologie.

Sp9 und die Identität visueller Neuronen

Die Forschenden bezeichneten Sp9 zudem als wesentlichen Regulator der korrekten Identität visueller Neuronen. Die Studienbilder zeigen, dass eine experimentelle Verringerung der SP9-Aktivität während der Embryonalentwicklung die Zellverteilung in der für visuelle Informationen zuständigen Thalamusregion verändert.

Forschende erstellen den ersten Multiomik-Atlas des sich entwickelnden Thalamus und zeigen, wie seine neuronalen Kerne entstehen
Bild des Thalamus einer neugeborenen Maus, bei der die Aktivität des Transkriptionsfaktors SP9 während der Embryonalentwicklung experimentell verringert wurde. Das Bild zeigt, wie diese Veränderung die Zellverteilung in der für visuelle Informationen zuständigen Hirnregion beeinflusst. Bildnachweis: IN CSIC-UMH

Diese Beobachtung verleiht dem Atlas eine experimentelle Grundlage. Er ist nicht nur eine Referenzkarte sich entwickelnder Zellen, sondern hilft auch, Gene zu identifizieren, deren Aktivität für bestimmte neuronale Identitäten wichtig ist. In diesem Fall beeinflusste eine veränderte SP9-Aktivität die Zellorganisation einer Region, die mit visueller Verarbeitung verbunden ist.

Die Studie leitet daraus keine klinische Aussage ab. Sie basiert auf dem embryonalen Mausthalamus und leistet zunächst einen Beitrag zur Grundlagenforschung über die Gehirnentwicklung. Die Identifizierung molekularer Programme, die die neuronale Differenzierung steuern, kann jedoch klarere Ansatzpunkte für die Erforschung normaler Entwicklung und möglicher Störungen liefern.

Eine Ressource für die Entwicklungsneurowissenschaft

Der Thalamus ist zentral für den Informationsfluss und die Organisation im Gehirn, doch seine Entwicklung umfasst mehrere Kerne und spezialisierte Zellpopulationen. Ein Multiomik-Atlas kann als Referenz dienen, um Zelltypen zu vergleichen, Entwicklungsstadien zu verfolgen und die Funktionen von Kandidatengenen zu testen.

Durch die Rekonstruktion von Entwicklungsverläufen statt einer Momentaufnahme betont die Arbeit, dass neuronale Identität durch eine Folge von Entwicklungsentscheidungen entsteht. Sensorische, motorische und assoziative Neuronen erscheinen nicht als fertige Kategorien, sondern entwickeln sich über unterschiedliche Programme, die im embryonalen Gewebe verfolgt werden können.

Der Atlas stärkt zudem die Erkenntnis, dass der Thalamus sensorische Karten aktiv organisiert und nicht nur als passives Relais funktioniert. Seine innere Vielfalt wird während der Entwicklung aufgebaut; die ermittelten genetischen Programme helfen zu erklären, wie sie entsteht.

Die Forschung liefert zunächst eine hochauflösende Entwicklungsressource und identifiziert einen wichtigen Regulator der visuellen Neuronenidentität. Ihr größerer Wert wird darin liegen, künftige präzisere Fragen dazu zu ermöglichen, wie thalamische Neuronen entstehen, sich spezialisieren und in Schaltkreise für Wahrnehmung, Bewegung und Assoziation eingebunden werden.

Dieser Artikel basiert auf einer Berichterstattung von Medical Xpress. Originalartikel lesen.

Originally published on medicalxpress.com