Eine Studie zur Unternehmensabhängigkeit weist auf ein strategisches Dilemma hin
Deutschlands größte Unternehmen sind laut einer von Phys.org zitierten Studie der University of Sussex und der University of Greenwich tief mit rivalisierenden Wirtschaftsökosystemen sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in China verflochten. Die zentrale Schlussfolgerung ist deutlich: Der deutsche Unternehmenssektor kann sich von keiner der beiden Supermächte sauber lösen.
Diese Erkenntnis fällt in eine größere geopolitische Debatte über wirtschaftliches De-Risking. Regierungen in ganz Europa haben versucht, Verwundbarkeiten zu verringern, die mit konzentrierten Lieferketten, Technologieabhängigkeiten und der Exponierung gegenüber ausländischen Märkten verbunden sind. Doch die neue Forschung legt nahe, dass die praktische Realität für große deutsche Unternehmen keine einfache Diversifizierung ist. Es ist eine gleichzeitige Abhängigkeit.
Warum Deutschland in dieser Debatte wichtig ist
Deutschland nimmt in Europas Industriestruktur eine besondere Stellung ein. Seine Wirtschaft basiert auf global aktiven Herstellern, Exporteuren, Ingenieurgruppen und großen Unternehmensnetzwerken, die auf offenen Handel und tiefe internationale Integration angewiesen sind. Wenn die Forschung sagt, dass diese Unternehmen tief mit den USA und China verflochten sind, beschreibt sie kein Randthema. Sie beschreibt ein Strukturmerkmal von Europas größter Volkswirtschaft.
Die Bedeutung dieses Punktes ist ebenso politisch wie wirtschaftlich. Deutschland musste die wachsenden Spannungen zwischen Washington und Peking navigieren und zugleich seine eigene industrielle Basis schützen. Die USA bleiben ein zentraler Sicherheits- und Wirtschaftspartner. China bleibt ein riesiger Markt und ein kritischer Knotenpunkt in der globalen Fertigung und in den Lieferketten. Für viele Unternehmen ist es keine praktikable operative Strategie, sich für eine Seite zu entscheiden.
Verflechtung ist etwas anderes als bloße Exponierung
Die Zusammenfassung von Phys.org sagt mehr als nur, dass deutsche Unternehmen mit beiden Ländern Geschäfte machen. Sie sagt, dass sie tief verflochten sind und keiner der beiden Supermächte entkommen können. Diese Sprache deutet auf mehr hin als auf Exportabhängigkeit. Sie impliziert eingebettete Unternehmensbeziehungen, Lieferverbindungen, Investitionsbeziehungen, strategische Partnerschaften und Marktverpflichtungen, die sich nur mit erheblichem Aufwand auflösen lassen.
In der Praxis bedeutet das, dass Risikomanagement Grenzen hat. Ein Unternehmen mag seine Verwundbarkeit gegenüber politischen Schocks, Zöllen oder Exportkontrollen eines Landes verringern wollen, stellt aber dennoch fest, dass zentrale Teile seines Geschäftsmodells an genau dieses Land gebunden sind. Exponierung lässt sich manchmal an den Rändern reduzieren. Verflechtung ist schwieriger, weil sie durch den Kern der Organisation verläuft.
Die De-Risking-Herausforderung
Die europäische politische Debatte bevorzugt zunehmend den Begriff „De-Risking“ statt „Entkopplung“. Die Idee ist, strategische Verwundbarkeiten zu reduzieren, ohne alle wirtschaftlichen Verbindungen zu kappen. Die neue Forschung prüft im Kern, ob diese Idee für Deutschlands größte Unternehmen realistisch ist.
Die Antwort scheint bestenfalls gemischt. Wenn Unternehmen weder den USA noch China entkommen können, stößt selbst eine moderate De-Risking-Agenda an praktische Grenzen. Firmen können Lieferanten diversifizieren, Teile der Produktion verlagern oder Investitionsprioritäten anpassen, aber sie können nicht einfach eine der beiden Supermächte aus ihrem kommerziellen Umfeld entfernen.
Damit bleiben Führungskräfte und politische Entscheidungsträger in einer schwierigen Lage. Sie müssen auf Spannungen vorbereitet sein, ohne anzunehmen, dass eine Trennung möglich ist.
Warum die US-China-Rivalität Druck von beiden Seiten erzeugt
Das unternehmerische Dilemma ist teilweise eine Folge der unterschiedlichen Natur der beiden Beziehungen. Die USA stehen oft für Kapitalzugang, technologische Verbindungen, politische Nähe und ein zentrales Ziel auf dem Markt der Industrieländer. China steht oft für Fertigungstiefe, Skalierung und eines der wichtigsten Nachfrageschwerpunkte für Industriegüter. Für ein Unternehmen mit globalen Ambitionen sind das keine austauschbaren Funktionen.
Infolgedessen kann Druck von der einen Seite die Abhängigkeit von der anderen eher verstärken als lösen. Eine Einschränkung des China-Engagements kann Kosten erhöhen oder die Marktposition schwächen. Eine Verringerung der Verbindungen zu den USA kann die finanzielle, technologische oder strategische Stellung untergraben. Deutschlands größte Unternehmen stehen daher nicht zwischen zwei optionalen Märkten. Sie agieren über zwei Systeme hinweg, die jeweils unterschiedliche Teile des Geschäfts tragen.
Folgen für die Industriestrategie
Die Studie wirft auch Fragen dazu auf, wie Regierungen über industrielle Souveränität nachdenken sollten. Wenn große Unternehmen so verflochten sind, dann müssen Forderungen nach nationaler oder regionaler Autonomie die Komplexität der bestehenden Unternehmensrealität berücksichtigen. Neue Politiken können heimische Produktion, Beschaffung bei Verbündeten oder robustere Lieferketten fördern, beginnen aber auf einer tief vernetzten Basis.
Für Deutschland könnte das eine selektivere statt einer umfassenden Strategie bedeuten. Bestimmte Technologien, kritische Materialien oder sicherheitssensible Sektoren könnten bei der Diversifizierung priorisiert werden. Aber eine breite Entflechtung von den USA oder China erscheint weit weniger plausibel, wenn die Forschung zutrifft.
Das hat auch Folgen für die Europäische Union. Deutschlands Unternehmensstruktur ist eng mit den breiteren europäischen Produktionsnetzwerken verbunden. Beschränkungen für deutsche Unternehmen bleiben nicht innerhalb Deutschlands.
Eine Warnung vor simplen Narrativen
Der Wert der Studie liegt darin, dass sie einfache Rhetorik in Frage stellt. In der öffentlichen Debatte wird oft angenommen, Unternehmen könnten sich schnell neu ausrichten, wenn sich geopolitische Anreize verschieben. Die Forschung legt stattdessen nahe, dass die größten Unternehmen bereits in überlappende Netzwerke eingebunden sind, die sich nicht einfach nach politischem Wunsch neu gestalten lassen.
Das bedeutet nicht, dass Veränderung unmöglich ist. Es bedeutet, dass Veränderung wahrscheinlich langsam, teilweise und teuer sein wird. Unternehmen werden ihre Portfolios möglicherweise weiter ausbalancieren, und Regierungen werden weiter auf Resilienz drängen. Doch die Erwartung eines sauberen Bruchs mit Washington oder Peking wird durch das hier beschriebene Bild nicht gestützt.
Die größere Lehre ist, dass die Globalisierung eine Form unternehmerischer Interdependenz hinterlassen hat, die selbst dann bestehen bleibt, wenn sich das politische Klima verhärtet. Deutschlands größte Unternehmen handeln nicht bloß mit beiden Supermächten. Sie sind in beide eingebettet. Das macht die aktuelle Ära weniger zu einer Frage der Seitenwahl als zu einer des Managements permanenter strategischer Spannung.
Dieser Artikel basiert auf einer Berichterstattung von Phys.org. Zum Originalartikel.


