Eine kühne Idee der synthetischen Biologie wird von einigen ihrer frühen Unterstützer neu bewertet
Kaum eine Idee verkörpert zugleich den Ehrgeiz und das Unbehagen der modernen Biotechnologie so sehr wie das Spiegel-Leben. Das Konzept ist einfach zu beschreiben und außerordentlich schwer zu verwirklichen: Mikroben zu erschaffen, die aus Spiegelversionen der Kernmoleküle aufgebaut sind, die das gewöhnliche Leben nutzt. Proteine, Zucker, Lipide, DNA und RNA in bekannten Organismen besitzen eine bestimmte Chiralität, also Händigkeit. Ein Spiegelorganismus würde sich in die andere Richtung drehen.
Für die Forschenden, die sich 2019 zu einem Workshop der National Science Foundation versammelt hatten, sah diese Möglichkeit zunächst genau nach der Art schwieriger, aber lohnender Wissenschaft aus, die es zu erkunden galt. MIT Technology Review berichtet, dass synthetische Biologen und Ethiker bei dem Treffen die Arbeit als Weg zu neuem Wissen darüber sahen, wie Zellen entworfen werden können und wie das Leben entstanden sein könnte. Sie versprach auch praktische Gewinne. Spiegelmikroben könnten als biologische Fabriken für Spiegelmoleküle dienen, die neue Medikamente unterstützen und dabei womöglich nützliche Funktionen bewahren, ohne unerwünschte Immunreaktionen auszulösen.
Die Attraktivität war global. Dem Artikel zufolge empfahl die NSF-Gruppe, Forschungsteams zu finanzieren, um Werkzeuge zu entwickeln und Vorarbeiten zu beginnen. Auch die Nationale Naturwissenschaftsstiftung Chinas und das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt in Deutschland finanzierten große Projekte zur Spiegelbiologie. Was als intellektuell schillernde Herausforderung begann, war also nicht nur theoretisch. Es wurde zu einer realen Forschungsrichtung mit internationaler Unterstützung.
Dann änderte sich das Risikobild
Bis 2024 hatten viele der beteiligten Forschenden ihre Haltung geändert. Laut MIT Technology Review waren sie davon überzeugt, dass Spiegelorganismen im schlimmsten Fall eine Katastrophe auslösen könnten, die das Leben auf der Erde bedroht. Die Sorge war kein gewöhnlicher Einwand der Biosicherheit. Es ging darum, dass Spiegelmikroben sich ohne natürliche Feinde vermehren und den Immunabwehrmechanismen von Menschen, Tieren und Pflanzen entgehen könnten.
Diese Kombination würde sie von den meisten bekannten biologischen Gefahren unterscheiden. Gewöhnliche Krankheitserreger und ökologische Störungen entstehen innerhalb einer Biosphäre, die bereits Abwehrmechanismen, Konkurrenten und Begrenzungen hervorgebracht hat. Das Spiegel-Leben könnte per Definition teilweise außerhalb dieser vererbten Kontrollmechanismen liegen. Wenn solche Organismen in gefährlicher Weise mit natürlichen Systemen interagierten und zugleich die normalen Mechanismen zur mikrobiellen Balance entkämen, wären die Folgen weit mehr als ein eingedämmter Laborvorfall.
Der Artikel zeigt diesen Tonwechsel anhand von Forschenden, die die Arbeit einst befürwortet hatten. Bemerkenswert an der Geschichte ist nicht nur, dass es Kritiker gibt, sondern dass einige der warnenden Stimmen aus jener Gruppe kommen, die Spiegelmikroben zunächst als aufregende wissenschaftliche Frontier sah. Das verleiht der Debatte besonderes Gewicht. Externe Vorsicht lässt sich leichter als reflexhafte Angst vor neuer Technologie abtun. Schwerer ist es, eine von Menschen angeführte Neubewertung des Risikos abzutun, die bereits in die zugrunde liegende Wissenschaft investiert waren.


