Eine Präventionslücke in einer Hochrisikogruppe

Menschen mit Lynch-Syndrom haben ein deutlich erhöhtes erbliches Risiko für Darmkrebs und mehrere andere Krebsarten. Regelmäßige Überwachung ist ein zentraler Bestandteil der Versorgung. Forschungen haben jedoch auch auf eine mögliche vorbeugende Wirkung von Acetylsalicylsäure hingewiesen, die besser als Aspirin bekannt ist.

Eine von Forschenden des University Hospital Bonn geleitete Befragung verdeutlicht eine Lücke zwischen dem Bewusstsein für Prävention und der Einnahme von Aspirin in dieser Gruppe. Von 539 Menschen mit Lynch-Syndrom, die zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 in Deutschland befragt wurden, kannten etwa 97 % die spezifischen Empfehlungen zur Früherkennung, und fast alle berichteten von regelmäßigen Koloskopien. Dennoch gaben nur 10,4 % an, derzeit Aspirin einzunehmen.

Die Ergebnisse erklären nicht, warum einzelne Befragte Aspirin einnahmen oder nicht einnahmen. Sie zeigen jedoch, dass eine starke Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen nicht automatisch zur Nutzung einer medikamentösen Präventionsstrategie führt, selbst wenn Menschen offen für neue Ansätze sind.

Warum die Dosis wichtig ist

Frühere Erkenntnisse aus der CAPP2-Studie zeigten, dass Aspirin das langfristige Darmkrebsrisiko bei Menschen mit Lynch-Syndrom deutlich senken kann. In dieser Studie wurde eine vergleichsweise hohe Tagesdosis von 600 Milligramm untersucht.

Die kürzlich veröffentlichte internationale CaPP3-Studie deutet nun darauf hin, dass eine deutlich niedrigere Tagesdosis von 100 Milligramm eine ähnliche krebspräventive Wirkung haben könnte und dabei weniger Nebenwirkungen verursacht, insbesondere weniger Blutungskomplikationen. Sollten weitere Belege dies stützen und die Ergebnisse in die klinische Praxis einfließen, könnte ein Ansatz mit niedrigerer Dosis die Diskussion über diese Präventionsoption erleichtern und für viele Patientinnen und Patienten besser verträglich sein.

Die Forschenden aus Bonn betonen, dass dies keine einfache Erklärung der Gleichwertigkeit beider Dosierungen darstellt. Laut dem korrespondierenden Autor Dr. Robert Hüneburg wurden die statistischen Kriterien für eine formale Gleichwertigkeit nicht in jeder Analyse erfüllt. Die Ergebnisse zur niedrigeren Dosis sollten daher weiterhin vorsichtig interpretiert und nicht als bereits feststehender Ersatz für das frühere Regime betrachtet werden.

Dr. Robert Hüneburg, Dr. Anne-Sophie Layritz, and Nicola Reents (from left)
Dr. Robert Hüneburg, Dr. Anne-Sophie Layritz und Nicola Reents (von links) führten eine Befragung durch und stellten fest, dass weniger als eine von zehn Personen mit Lynch-Syndrom Acetylsalicylsäure zur Krebsprävention einnimmt – trotz einer hohen Offenheit für neue Präventionsansätze. Bildnachweis: UKB/Alessandro Winkler

Eine sich verändernde Evidenzlage

Die deutsche Befragung wurde konzipiert und durchgeführt, bevor die Ergebnisse von CaPP3 veröffentlicht wurden. Sie erfasst daher die Einnahme von Aspirin auf Grundlage der damals verfügbaren Evidenz und nicht die Reaktion von Betroffenen und Ärztinnen und Ärzten auf die neueren Erkenntnisse zur niedrigeren Dosis.

Dieser zeitliche Zusammenhang macht die Befragung zu einer nützlichen Ausgangsbasis. Künftige Arbeiten müssen klären, ob die Evidenz für eine niedrigere Tagesdosis die tatsächliche Anwendung verändern wird. Die Forschenden müssen außerdem verstehen, wie Patientinnen und Patienten mögliche Vorteile gegen die bekannte Sorge vor Blutungskomplikationen abwägen und wie Empfehlungen im Zusammenhang mit bestehenden Überwachungsprogrammen vermittelt werden.

Die zentrale Botschaft lautet derzeit nicht, dass alle Menschen mit Lynch-Syndrom eigenständig mit der Einnahme von Aspirin beginnen sollten. Die präventive Einnahme von Aspirin erfordert individuelle medizinische Abwägungen, einschließlich möglicher Schäden. Die Forschung erweitert vielmehr das Gespräch zwischen Betroffenen und ihren Behandlungsteams darüber, ob eine niedrigere Dosis geeignet sein könnte.

Früherkennung und Prävention sind nicht austauschbar

Das hohe angegebene Bewusstsein für Empfehlungen zur Früherkennung und die regelmäßige Nutzung der Koloskopie sind ein wichtiger Kontext. Die Überwachung sucht nach Erkrankungen oder Veränderungen, die sich entwickeln können. Präventive Medikamente sollen das Risiko senken, bevor Krebs entsteht. Beide Ansätze können sich ergänzen, aber keiner ersetzt den anderen einfach.

Die neuen Erkenntnisse könnten Ärztinnen, Ärzten und Betroffenen ein praktischeres Gesprächsthema bieten: ob sich der mögliche langfristige Nutzen von Aspirin mit einer Dosis erreichen lässt, die möglicherweise besser verträglich ist. Die Antwort wird von weiterer Forschung, klinischen Leitlinien und den persönlichen Umständen abhängen.

Für eine Bevölkerung mit erblichem Krebsrisiko, die bereits an Früherkennungsmaßnahmen teilnimmt, besteht die Herausforderung nun darin, sich weiterentwickelnde Evidenz in klare und ausgewogene Präventionsentscheidungen zu übersetzen. Die CaPP3-Ergebnisse bieten eine vielversprechende Möglichkeit, doch die Vorsicht der Forschenden ist ebenso wichtig: Niedrig dosiertes Aspirin könnte für viele Menschen mit Lynch-Syndrom eine praktische Option sein, ist aber noch keine allgemeingültige Schlussfolgerung.

Dieser Artikel basiert auf einer Berichterstattung von Medical Xpress. Den Originalartikel lesen.

Originally published on medicalxpress.com