Ein vernachlässigtes Tierverhalten rückt stärker in den wissenschaftlichen Fokus

Eine neue, von The Conversation hervorgehobene Studie argumentiert, dass Masturbation bei Vögeln weder selten noch lediglich ein abnormales Verhalten in Gefangenschaft ist. Stattdessen sei sie weit verbreitet, evolutionsgeschichtlich alt und sowohl für das Tierwohl als auch für die Reproduktionsbiologie relevant, so die Autoren.

Die Forschenden untersuchten 120 Vogelarten aus 22 großen Gruppen anhand wissenschaftlicher Literatur, Online-Berichten, Foren für Vogelhalter und Umfragen unter Vogelkundlern. Ihr Fazit war, dass Masturbation in einem breiten Spektrum des Vogelreichs vorkommt, bei beiden Geschlechtern und in verschiedenen Altersgruppen, und dass ihre tiefe Evolutionsgeschichte darauf hindeutet, dass das Verhalten alt und nicht zufällig ist.

Das ist auch deshalb wichtig, weil das Thema oft an den Rand gedrängt wurde. In Gefangenschaft, besonders bei Papageien und anderen häufig gehaltenen Vögeln, wurde Masturbation häufig als Problem betrachtet, das unterdrückt werden müsse. Der Beitrag sagt, dass die Haltungspraxis auf Basis von Überlieferungen sie oft als Zeichen von Stress, Krankheit oder schlechten Umweltbedingungen eingeordnet hat, was einige Halter dazu veranlasst hat, sie durch Bestrafung, Haltungsänderungen, Medikamente oder sogar Operationen zu unterbinden.

Die Studie stellt dieses Framing infrage. Wenn das Verhalten normal und weit verbreitet ist, könnte es dem Wohlbefinden eher schaden als nützen, wenn man es von vornherein als krankhaft behandelt.

Was die Forschenden herausfanden

Die Auswertung ergab mehr Nachweise bei Männchen als bei Weibchen, aber das Verhalten wurde bei beiden dokumentiert. Die Autoren berichten außerdem von einer Verbindung zwischen Masturbation und Arten, die sich mit mehreren Partnern paaren, was nach ihrer Einschätzung mit möglichen Fortpflanzungsvorteilen unter starker Spermienkonkurrenz vereinbar ist.

Bei Männchen besteht ein vermuteter Vorteil darin, älteres Sperma zu entfernen und damit möglicherweise frisches Sperma für spätere Paarungen verfügbar zu halten. Bei Weibchen vermuten die Autoren, dass das Verhalten die sexuelle Erregung steigern könnte und mit Fortpflanzungsstrategien bei Arten zusammenhängen könnte, in denen die Paarungskonkurrenz stark ist.

Ebenso wichtig ist, dass die Studie Masturbation nicht nur bei Vögeln in Gefangenschaft, sondern auch bei Wildvögeln beobachtet hat. Das schwächt die verbreitete Annahme, dass solitär-sexuelles Verhalten bei Vögeln vor allem ein Produkt der Gefangenschaft sei.

Weil die Arbeit mehrere Vogelgruppen umfasst, sammelt sie nicht bloß Anekdoten. Sie beginnt, das Verhalten in einen evolutionsgeschichtlichen Rahmen zu stellen und fragt nicht mehr nur, ob es existiert, sondern welche Funktionen es haben könnte und wie Forschende es deuten sollten.

Warum das Tierwohl die unmittelbarste Folge sein könnte

Die praktischste Konsequenz könnte sich für die Tierpflege ergeben. Moderne Tierwohlkonzepte betonen oft, wie wichtig es ist, dass Tiere in Gefangenschaft natürliche Verhaltensweisen ausleben können. Wenn Masturbation zu diesen Verhaltensweisen gehört, könnten automatische Unterdrückungsversuche diesem Grundsatz widersprechen.

Der Artikel behauptet nicht, dass jedes sexuelle Verhalten bei Vögeln in Gefangenschaft ignoriert werden sollte. Der Kontext bleibt wichtig. Übermäßiges oder selbstverletzendes Verhalten kann auf Probleme hinweisen. Die Studie legt jedoch nahe, dass Halter, Tierärzte und Tierschutzfachleute vorsichtiger sein sollten, bevor sie Masturbation selbst als Beweis für Leid werten.

Diese Verschiebung würde die Vogelhaltung stärker an die allgemeine Verhaltensforschung angleichen, in der selbststimulierende sexuelle Verhaltensweisen bereits bei vielen anderen Gruppen dokumentiert sind, darunter Primaten, Landschildkröten, Kamele und Stachelschweine.

Ein breiteres Forschungsfeld eröffnen

Die Arbeit zeigt auch, wie viel noch unerforscht ist. Vogelverhalten wurde bei Migration, Gesang, Balz und Kognition außergewöhnlich detailliert untersucht, doch dieser Bereich blieb trotz offensichtlicher Auswirkungen auf das Wohlbefinden und zahlreicher informeller Berichte vergleichsweise unbeachtet.

Indem die Autoren Belege aus verschiedenen Arten und Situationen zusammenführen, schaffen sie einen Ausgangspunkt für künftige, strengere Forschung. Forschende können nun fragen, ob das Verhalten mit Saisonalität, Sozialstruktur, Gefangenschaftsbedingungen, Paarungssystem oder Hormonstatus zusammenhängt. Sie können auch prüfen, ob Eingriffe zur Unterdrückung des Verhaltens unbeabsichtigte Kosten für das Wohlbefinden verursachen.

  • Die Studie wertete 120 Arten aus 22 großen Vogelgruppen aus.
  • Masturbation wurde bei beiden Geschlechtern und in verschiedenen Altersgruppen berichtet.
  • Die Autoren argumentieren, dass das Verhalten eine starke Evolutionsgeschichte hat und nicht bloß eine Anomalie der Gefangenschaft ist.
  • Die Ergebnisse könnten Änderungen in Haltung und Tierschutzpraxis anstoßen.

Die Schlagzeile mag wegen des Themas Aufmerksamkeit erregen, doch der zugrunde liegende Punkt ist ernst. Wenn ein Verhalten weit verbreitet, natürlich und evolutionsgeschichtlich dauerhaft ist, profitieren Wissenschaft und Tierpflege beide davon, es zuerst als Daten und erst danach als Tabu zu behandeln.

Dieser Artikel basiert auf einer Berichterstattung von refractor.io. Den Originalartikel lesen.

Originally published on refractor.io