Ein alter Glaube trifft auf moderne Wissenschaft
Joghurt ist seit Tausenden von Jahren ein Grundnahrungsmittel in menschlichen Ernährungsweisen und hat einen Ruf, der weit über bloße Ernährung hinausgeht. Dschingis Khan soll geglaubt haben, Joghurt mache seine Soldaten vor der Schlacht stark und furchtlos. Mut lässt sich vielleicht nicht durch ein einzelnes Lebensmittel erzeugen, doch neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der mongolische Herrscher mit seiner Einschätzung von Stärke nicht ganz falsch lag, insbesondere im Kontext gesunden Alterns und der Vorbeugung chronischer Krankheiten. Forschende betrachten Joghurt heute als nährstoffreiches Lebensmittel, das älteren Erwachsenen helfen kann, ihre Proteinzufuhr aufrechtzuerhalten und zugleich Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu begrenzen.
In der Journal of Nutrition, Health and Aging haben Wissenschaftler der Harvard University und ihre Mitarbeitenden eine schnell wachsende Evidenzbasis zu den gesundheitlichen Wirkungen von Joghurt ausgewertet. Ziel ist es nicht, eine einzelne Zutat zu verherrlichen, sondern das Lebensmittel als Ganzes zu betrachten und langjährige Annahmen über Milchfett zu hinterfragen.
Das Rätsel der gesättigten Fettsäuren
Einer der verwirrendsten Aspekte der Joghurtforschung ist, dass Vollfettjoghurt gesättigte Fettsäuren enthält, also einen Nährstoff, der traditionell mit höherem LDL-Cholesterin und einem größeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht wird. Wenn Fett alles wäre, worauf es ankommt, wäre Joghurt kaum ein Kandidat für das Etikett herzgesund. Doch die Evidenz zeichnet ein vielschichtigeres Bild. Eine Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien ergab, dass probiotischer Joghurt bei Menschen mit leicht bis mäßig erhöhtem Cholesterin Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin senken kann. Dieses Ergebnis ist bedeutsam, weil randomisierte kontrollierte Studien stärkere kausale Evidenz liefern als Umfragen zu Ernährungsgewohnheiten.
Beobachtungsstudien, auch wenn sie weniger endgültig sind, weisen in dieselbe Richtung. Menschen, die regelmäßig Joghurt in ihre Ernährung einbauen, neigen zu einer besseren Herz-Kreislauf-Gesundheit als Menschen, die dies nicht tun. Die Konsistenz dieses Signals über verschiedene Bevölkerungsgruppen hinweg hat Joghurt zu einem nützlichen Fallbeispiel dafür gemacht, wie die Ernährungswissenschaft Vollwertkost bewerten sollte.
Blutdruck und Herzkrankheitsrisiko
Die Zusammenhänge zwischen Joghurtkonsum und Blutdruck sind besonders überzeugend. In großen US-Studien war der Verzehr von Joghurt mindestens fünfmal pro Woche mit einem um 16 % geringeren Risiko verbunden, Bluthochdruck zu entwickeln. Bei Menschen, die bereits Bluthochdruck hatten, zeigte regelmäßiger Joghurtkonsum zusätzlichen Schutz: Wer mindestens zweimal pro Woche Joghurt aß, hatte bei Frauen ein um 17 % geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bei Männern ein um 21 % geringeres Risiko.
Forschende haben auch untersucht, was passiert, wenn Joghurt andere Milchprodukte ersetzt. Eine große dänische Studie fand heraus, dass der Ersatz von fettarmer und vollfetter Milch durch Vollfettjoghurt mit einem um 11 bis 13 % geringeren Risiko für Herzerkrankungen verbunden war. Das Ergebnis widerspricht der alten Annahme, dass fettärmere Milchprodukte immer besser fürs Herz seien. Es legt nahe, dass die Form des Milchprodukts ebenso wichtig ist wie sein Fettgehalt, vielleicht sogar wichtiger.
Den Food-Matrix-Effekt verstehen
Die Erklärung liegt möglicherweise im sogenannten Food-Matrix-Effekt. Ein ganzes Lebensmittel ist mehr als eine Sammlung isolierter Nährstoffe. Im Joghurt koexistieren Fettsäuren, Proteine, Kalzium, Probiotika und Fermentationsnebenprodukte in einer komplexen Struktur, die beeinflussen kann, wie der Körper jeden Bestandteil aufnimmt und auf ihn reagiert. Joghurt nur nach seinem Gehalt an gesättigten Fettsäuren zu beurteilen, verfehlt dieses größere Bild.
Das bedeutet nicht, dass gesättigte Fettsäuren in jedem Kontext harmlos wären. Es bedeutet, dass Gesundheitsfolgen aus einem einzelnen Nährstoff isoliert schwer vorherzusagen sind. Die Fermentation bringt zudem lebende Bakterien mit sich, die das Darmmikrobiom, die Immunregulation und Entzündungen beeinflussen können. Diese Wege könnten erklären, warum sich Vollfettjoghurt anders verhält als Butter oder andere konzentrierte Fettquellen.
Wichtige Erkenntnisse auf einen Blick
- Probiotischer Joghurt senkte in randomisierten Studien mit Menschen mit leicht bis mäßig erhöhtem Cholesterin Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin.
- Joghurt an fünf oder mehr Tagen pro Woche war in großen US-Studien mit einem um 16 % geringeren Risiko für Bluthochdruck verbunden.
- Bei Menschen mit Bluthochdruck war der zweimalige wöchentliche Verzehr von Joghurt mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden, bei Männern noch stärker.
- Vollfettjoghurt als Ersatz für Milch war in einer dänischen Kohortenstudie mit einem um 11 bis 13 % geringeren Risiko für Herzerkrankungen verbunden.
Grenzen und offene Fragen
So vielversprechend diese Zusammenhänge auch erscheinen, sie müssen mit Vorsicht interpretiert werden. Beobachtungsstudien können keine Kausalität beweisen. Menschen, die regelmäßig Joghurt essen, bewegen sich möglicherweise auch mehr, rauchen weniger, essen mehr Gemüse oder haben besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung. Diese Faktoren können zusammen mit sozioökonomischem Status und der allgemeinen Ernährungsqualität die Ergebnisse verfälschen. Selbst wenn statistische Anpassungen vorgenommen werden, bleibt eine Restkonfundierung möglich.
Wie genau Joghurt Nutzen bringt, ist weiterhin unklar. Die Forschenden wissen noch nicht, welche Bestandteile verantwortlich sind, wie viel Joghurt nötig ist oder ob die Effekte in verschiedenen Lebensphasen, Joghurtarten und Gesundheitszuständen gleich sind. Besonders schwer ist es, die Wirkung des Lebensmittels selbst von der Wirkung eines insgesamt gesunden Ernährungsmusters zu trennen. Für Menschen, die bereits eine breite Palette pflanzlicher und fermentierter Lebensmittel essen, kann Joghurt eher ein weiterer positiver Beitrag als ein singuläres Heilmittel sein.
Ein komplexes, aber ermutigendes Bild
Für Verbraucherinnen und Verbraucher im Milchregal ergibt sich aus der Evidenz ein nuanciertes Fazit. Joghurt sollte nicht wegen seines Gehalts an gesättigten Fettsäuren abgetan werden, aber er sollte auch nicht als Medizin behandelt werden. Am stärksten spricht dafür, ungesüßten oder nur leicht gesüßten Joghurt als Teil einer ausgewogenen Ernährung zu wählen. Nährstoffreich und proteinreich kann Joghurt den Muskelerhalt und die Appetitkontrolle unterstützen und ist damit ein praktisches Lebensmittel für Erwachsene, die gesund altern möchten. Dschingis Khan wollte starke und mutige Soldaten. Die moderne Wissenschaft wird vielleicht nie beweisen, dass Mut in einem Becher steckt, aber sie kommt der Erklärung immer näher, wie viel Stärke in einem steckt.
Dieser Artikel basiert auf einer Berichterstattung von Medical Xpress. Den Originalartikel lesen.
Originally published on medicalxpress.com








