Studie stellt gängige Annahmen über Gefängnistode in Frage
Eine neue Studie unter der Leitung von Forschern der University of California, Los Angeles (UCLA), hat lang gehegte Annahmen darüber, wann und warum Todesfälle im Gefängnissystem von Los Angeles County auftreten, auf den Kopf gestellt. Die in der Zeitschrift PLOS One veröffentlichte Forschung ergab, dass die meisten Todesfälle auftreten, nachdem eine Person mehrere Wochen inhaftiert war, und nicht unmittelbar nach der Festnahme, wie bisher angenommen. Dieses Ergebnis hat erhebliche Auswirkungen auf Gefängnispolitik und Gesundheitsversorgung.
Die Studie, die Sterblichkeitsdaten von 2008 bis 2023 analysierte, ergab, dass die mediane Zeit von der Festnahme bis zum Tod 57,5 Tage betrug. Nur 4,1 % der Todesfälle ereigneten sich innerhalb eines Tages nach der Festnahme, 16,7 % innerhalb einer Woche und 24,4 % innerhalb von zwei Wochen. Dies steht in krassem Gegensatz zur gängigen Erzählung, dass Gefängnistode hauptsächlich durch plötzliche Überdosierungen oder Entzugserscheinungen kurz nach der Aufnahme verursacht werden.
„Wir haben festgestellt, dass die meisten Menschen nicht beim Übergang ins Gefängnis sterben“, sagte der korrespondierende Autor Nicholas Shapiro, Umweltwissenschaftler an der UCLA. „Das größte Sterblichkeitsrisiko besteht nach längerer Haftzeit und wird eher durch Drogenüberdosierungen und vermeidbare oder behandelbare Erkrankungen wie Magen-Darm-Blutungen, Infektionen und Herzerkrankungen verursacht.“
Steigende Sterblichkeit und drogenbedingte Todesfälle
Die Studie dokumentierte einen besorgniserregenden Anstieg der Gesamtsterblichkeit und drogenbedingter Todesfälle im Gefängnis von LA County über den 15-jährigen Studienzeitraum. Die Sterblichkeitsraten erreichten während der COVID-19-Pandemie ihren Höhepunkt, als Gefängnisinsassen besonderen Herausforderungen gegenüberstanden, darunter eingeschränkter Zugang zu Dienstleistungen und erhöhte Isolation.
Drogenbedingte Todesfälle waren ein Haupttreiber des Anstiegs. Diese Todesfälle ereigneten sich oft tief in der Haftzeit einer Person, was der Annahme widerspricht, dass drogenbedingte Risiken zum Zeitpunkt der Festnahme am höchsten sind. Die Forscher vermuten, dass erzwungener Entzug, mangelnde medizinische Versorgung und die psychologischen Belastungen der Inhaftierung zu diesen späten Todesfällen beitragen könnten.
Chronische Erkrankungen und vermeidbare Todesfälle
Chronische Erkrankungen wie Herzerkrankungen wurden ebenfalls als bedeutende Todesursache identifiziert. Diese Erkrankungen sind bei angemessener medizinischer Versorgung oft behandelbar, dennoch sterben viele Insassen während der Haft daran. Die Studie hebt die Unzulänglichkeit der Gesundheitsdienste im Gefängnissystem hervor, die keine rechtzeitige und wirksame Behandlung chronischer Krankheiten bieten.
Magen-Darm-Blutungen, Infektionen und andere behandelbare Erkrankungen wurden ebenfalls als Todesursachen genannt. Die Forscher betonen, dass viele dieser Todesfälle durch bessere medizinische Überwachung und Interventionen hätten verhindert werden können.
Untersuchungshaft und ihre Folgen
Eines der auffälligsten Ergebnisse ist, dass mehr als zwei Drittel der im Gefängnis von LA County Verstorbenen in Untersuchungshaft waren, das heißt, sie waren keines Verbrechens verurteilt. Dies wirft ernste Fragen zur Unschuldsvermutung und zu den Bedingungen auf, unter denen Personen auf ihren Prozess warten.
Die mediane Aufenthaltsdauer für alle Festnahmen betrug 11 Tage, aber für diejenigen, die in Haft starben, betrug die mediane Zeit von der Festnahme bis zum Tod 59 Tage – mehr als fünfmal so lang. Dies deutet darauf hin, dass eine längere Inhaftierung, selbst ohne Verurteilung, mit einem deutlich höheren Sterberisiko verbunden ist.
Implikationen für Politik und Reform
Die Autoren der Studie argumentieren, dass diese Ergebnisse dringende politische Änderungen erfordern. Sie empfehlen, die Gesundheitsversorgung im Gefängnis zu verbessern, insbesondere bei chronischen Erkrankungen und Substanzgebrauchsstörungen. Sie befürworten auch die Verkürzung der Untersuchungshaftdauer und den Ausbau von Alternativen zur Inhaftierung, wie Kautionreform und gemeindebasierte Programme.
„Die Daten zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit zu sterben umso höher ist, je länger Menschen bleiben“, sagte Shapiro. „Dies ist eine öffentliche Gesundheitskrise, die sofortige Aufmerksamkeit von politischen Entscheidungsträgern, Gefängnisverwaltungen und der medizinischen Gemeinschaft erfordert.“
Methodik und Daten
Das Forschungsteam analysierte Sterblichkeitsaufzeichnungen des Gefängnissystems von Los Angeles County, das acht Einrichtungen umfasst. Sie untersuchten Todesfälle, die zwischen 2008 und 2023 auftraten, und betrachteten Todesursachen, Zeit von der Festnahme bis zum Tod und den rechtlichen Status der Verstorbenen (Untersuchungshaft vs. verurteilt). Die Studie wurde einem Peer-Review unterzogen und in einer angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht, was ihren Ergebnissen Glaubwürdigkeit verleiht.
Die Studie ist eine der umfassendsten Analysen der Gefängnissterblichkeit in den Vereinigten Staaten und liefert ein detailliertes Bild der Faktoren, die zu Todesfällen in Haft beitragen. Ihre Ergebnisse sind besonders relevant angesichts der laufenden nationalen Debatte über Strafjustizreform und die Behandlung von Inhaftierten.
Fazit
Die UCLA-Studie liefert überzeugende Beweise dafür, dass Todesfälle im Gefängnis von LA County nicht zufällig oder unmittelbar sind, sondern mit der Dauer der Inhaftierung und der Qualität der Versorgung zusammenhängen. Während der Landkreis mit Überbelegung und systemischen Problemen kämpft, unterstreichen diese Ergebnisse die dringende Notwendigkeit von Reformen. Indem die Ursachen dieser Todesfälle – längere Inhaftierung, unzureichende Gesundheitsversorgung und mangelnde Unterstützung bei Substanzgebrauchsstörungen – angegangen werden, können politische Entscheidungsträger Leben retten und die Grundsätze der Gerechtigkeit und Menschenwürde wahren.
Dieser Artikel basiert auf einer Berichterstattung von Medical Xpress. Lesen Sie den Originalartikel.
Originally published on medicalxpress.com







