Der Erfolg der Solarenergie könnte einen übersehenen Nebeneffekt haben

Europas Energiewende beruht auf einer einfachen Annahme: Mehr Solarenergie auf Dächern sollte den Druck auf das gesamte Stromsystem verringern, indem Strom aus dem Netz durch vor Ort erzeugten Strom ersetzt wird. Neue Forschung, auf die

pv magazine

aufmerksam macht, legt nahe, dass das Bild komplizierter sein könnte. Die Studie sagt, dass der „Solar-Rebound-Effekt“, bei dem Haushalte nach der Installation von Solaranlagen ihren gesamten Stromverbrauch erhöhen, den langfristigen Strombedarf Europas spürbar steigern könnte.

Forscher der FernUniversität in Hagen modellierten verschiedene Ausprägungen dieses Rebound-Effekts in einem Open-Source-Optimierungsmodell des europäischen Energiesystems. Ihr Ergebnis ist, dass der zusätzliche Bedarf bis 2050 zwischen 63 Terawattstunden und 314 Terawattstunden liegen könnte. Im schlimmsten Szenario der Studie würde dies den gesamten Strombedarf Europas um bis zu 5,1 % erhöhen.

Die Erkenntnis ist wichtig, weil Europa nicht nur für saubereren Strom plant, sondern auch für eine stärker elektrifizierte Wirtschaft. Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, Speichersysteme und die Elektrifizierung der Industrie werden im Laufe der Zeit voraussichtlich zusätzliche Lasten erzeugen. Wenn die Verbreitung von Dachsolaranlagen das Verhalten von Haushalten zudem so verändert, dass der Verbrauch steigt, unterschätzen Planer möglicherweise eine wichtige Quelle künftiger Nachfrage.

Warum Haushalte nach der Umstellung auf Solarenergie mehr Strom verbrauchen könnten

Der Rebound-Effekt bedeutet nicht, dass Solarsysteme keine Emissionen mehr senken oder die Netzlast reduzieren. Er beschreibt vielmehr eine Verhaltensänderung. Sobald Haushalte einen Teil ihres Stroms selbst erzeugen, fühlen sie sich möglicherweise wohler dabei, zusätzliche Geräte zu nutzen, mehr Aktivitäten auf Strom zu verlagern oder den Verbrauch in sonnigen Zeiten weniger zurückhaltend zu gestalten.

Die Studie beschreibt dies als blinden Fleck in der europäischen Energiesystemplanung und in Minderungs­szenarien. Das ist bedeutsam, weil Solarstrom im Haushalt meist als eindeutiger Nachfragereduzierer gilt. Wenn ein Teil des wirtschaftlichen Nutzens von Solarenergie die Verbraucher dazu bringt, insgesamt mehr Strom zu verwenden, kann der Nettoeffekt für das System zwar weiterhin positiv sein, aber er ist nicht mehr so geradlinig, wie viele Planungsmodelle annehmen.

Die Forschenden schätzen zudem, dass die daraus resultierenden Systemkosten bis zu 23,5 Milliarden Euro pro Jahr erreichen könnten. Diese Kosten würden aus dem Bedarf entstehen, mehr erneuerbare Erzeugung und mehr Netzflexibilität aufzubauen, um die zusätzliche Last zu bedienen.