Salesforce argumentiert, dass KI eine Expansion ist, kein Aussterbeereignis

Salesforce versucht, Wall Street eine schwierige These zu verkaufen: Der Aufstieg von KI-Agenten wird das Unternehmenssoftware-Geschäft, das die Firma stark gemacht hat, nicht aushöhlen, sondern einen neuen Wachstumsmotor dafür schaffen. Laut dem vorliegenden Bericht widerspricht CEO Marc Benioff direkt der Vorstellung, KI könne herkömmliche Software-Sitze weniger wertvoll oder sogar überflüssig machen. Seine Antwort ist eine Kombination aus Produktstrategie, Kundenbeispielen und einem neu erfundenen Messsystem, das zeigen soll, dass KI innerhalb des Salesforce-Ökosystems gezählt, bepreist und gesteuert werden kann.

Der Druck hinter diesem Argument ist real. Der Bericht sagt, die Salesforce-Aktie sei seit Jahresbeginn um 28 % gefallen, was die Sorge der Anleger widerspiegle, KI-Agenten könnten bei Kundunternehmen Personal abbauen und die Logik der Sitzlizenzen schwächen. Daneben steht eine weitere Sorge: Wenn generative KI es Unternehmen erleichtert, ihre eigenen Tools zu „vibe code“en, könnte auch die Premiumstellung großer Softwaresuiten unter Druck geraten.

Salesforce leugnet die Umwälzung nicht. Das Unternehmen versucht, sich darin eine privilegierte Position zu sichern.

„Agent Albert“ soll das Unternehmen über die heutigen Grenzen hinausführen

Benioffs konkreteste Antwort ist laut dem vorliegenden Text ein neues KI-Produkt mit dem Codenamen „Agent Albert“, das bis zum Jahresende starten soll. Die Beschreibung ist knapp, aber ambitioniert: Die Plattform soll Nutzer automatisch analysieren und eigenständig handeln.

Diese Formulierung ist wichtig, weil sie über das einfache Chatbot-Verhalten hinaus in Richtung autonomerer Workflows weist. Wenn Salesforce Kunden davon überzeugen kann, dass KI-Agenten innerhalb von Unternehmens-Guidelines arbeiten und dabei auf Geschäftsdaten und bestehende Workflows zugreifen, kann das Unternehmen argumentieren, dass KI den Bedarf an einer vertrauenswürdigen Software-Schicht erhöht, statt sie zu ersetzen.

Benioff bringt dieses Argument auch mit Sicherheits- und Compliance-Gründen vor. Der Bericht sagt, er argumentiere, selbst entwickelte KI-Lösungen seien zu riskant, wenn sensible Unternehmensdaten im Spiel sind. Das ist eine vertraute Verteidigungslinie für Unternehmenssoftware, aber im Zeitalter autonomer Agenten womöglich wirkungsvoller als im Zeitalter einfacher Cloud-Apps. Je mehr Entscheidungsspielraum KI-Systeme erhalten, desto größer wird der Wert von Governance, Auditierung und Policy-Durchsetzung.

Die Einführung von Agentforce zeigt Momentum und Grenzen zugleich

Die Herausforderung für Salesforce ist, dass die bisherige KI-Bilanz gemischt ausfällt. Der Bericht sagt, Agentforce, Ende 2024 gestartet, sei von 23.000 der 150.000 Salesforce-Kunden übernommen worden. Das ist eine beachtliche Verbreitung, zeigt aber auch, dass die Mehrheit der Kunden das Produkt noch nicht nutzt.

Die im Ausgangstext genannten Fallbeispiele zeigen, warum das Bild uneinheitlich ist. Pearson soll eine 40-prozentige Zunahme automatisch gelöster Kundenanfragen verzeichnet haben, was darauf hindeutet, dass routinemäßige, volumenstarke Aufgaben gut zur aktuellen Generation von KI-Tools passen. Pandora hingegen sagte, Agentforce habe Schwierigkeiten, wenn Kundenanfragen vage wurden und verlässliche Empfehlungen erforderten.

Diese Spaltung ist wichtig, weil sie zeigt, wo Unternehmens-KI weiterhin Reibung hat. Strukturierte Aufgaben mit klaren Parametern können messbaren Wert erzeugen. Mehrdeutige, urteilsintensivere Interaktionen bleiben schwieriger. Salesforces Zukunft in der KI könnte weniger davon abhängen, ob Agenten allgemein nützlich sind, sondern davon, wie schnell das Unternehmen sie von enger Automatisierung zu verlässlicher Leistung in chaotischen realen Kontexten bringt.

Warum die „Agentic Work Unit“ wichtig ist

Salesforce hat außerdem den vielleicht aufschlussreichsten Teil seiner Strategie eingeführt: eine neue Kennzahl namens „Agentic Work Unit“, kurz AWU. Die Idee ist laut Quelle, die Wirkung von KI zu quantifizieren, indem ihre Fähigkeiten mit konkreten Ergebnissen wie gelösten Anfragen verknüpft werden.

Das ist mehr als ein Branding-Versuch. Unternehmenssoftwareanbieter brauchen eine Möglichkeit, KI von einem auffälligen Feature in ein operatives und finanzielles Modell zu übersetzen. Wenn Sitze in einer KI-dominierten Welt zu einem schwächeren Wertmaßstab werden, brauchen Anbieter neue Messeinheiten. AWU scheint Salesforces Versuch zu sein, eine solche Einheit zu schaffen.

Ob Kunden und Investoren diese Kennzahl akzeptieren, ist eine andere Frage. Neue Einheiten funktionieren nur, wenn sie intuitiv, prüfbar und sinnvoll mit Geschäftsergebnissen verknüpft sind. Dennoch zeigt die Einführung von AWU, dass Salesforce ein zentrales Problem der KI-Ära verstanden hat: Unternehmen werden nicht einfach „Intelligenz“ kaufen. Sie wollen messbare Arbeit, kürzere Bearbeitungszeiten, höhere Lösungsquoten oder ein anderes nachverfolgbares Ergebnis kaufen.

Die größeren Einsätze für Unternehmenssoftware

Die größere Frage ist nicht nur Salesforces Quartalsleistung. Es geht darum, ob große Unternehmenssoftwareanbieter sich neu definieren können, bevor KI die Wettbewerbsgrundlage verändert. Die im Bericht beschriebene „SaaSpocalypse“-These stellt sich eine Welt vor, in der Agenten die Nachfrage nach Seats senken und die Hürden für maßgeschneiderte Software senken. Benioffs Gegenargument lautet, dass Unternehmenskomplexität, Sicherheit und Compliance weiterhin etablierte Plattformen begünstigen.

Beide Argumente können teilweise gleichzeitig wahr sein. KI könnte bestimmte Softwarewerte komprimieren und andere ausweiten. Einzelne Funktionen könnten leichter kopierbar werden, aber vertrauenswürdige Datenschichten, Orchestrierung, Workflow-Management und Governance könnten wichtiger werden. In diesem Umfeld wären nicht die Unternehmen die Gewinner, die den Wandel leugnen, sondern diejenigen, die neu definieren, was sie eigentlich verkaufen.

Salesforce versucht das öffentlich. „Agent Albert“ ist das Produktsignal. AWU ist das Preis- und Nachweissignal. Die gemischte Performance von Agentforce erinnert daran, dass das Unternehmen sich noch im Übergang befindet, nicht darüber hinaus.

Für den Moment ist die aus dem vorliegenden Bericht am besten vertretbare Schlussfolgerung klar: Salesforce sieht KI-Agenten als existenziell für seine Zukunft, aber nicht unbedingt in dem Sinn, den Kritiker meinen. Das Unternehmen setzt darauf, dass die nächste Generation von Unternehmenssoftware nicht daran gemessen wird, wie viele menschliche Seats sie unterstützt, sondern wie viel maschinell unterstützte Arbeit sie sicher liefern kann. Das ist eine plausible Strategie. Der schwierigere Teil wird sein, sie mit Kundenergebnissen statt mit Konferenzrhetorik zu beweisen.

Dieser Artikel basiert auf Berichten von The Decoder. Den Originalartikel lesen.

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