ABB dringt mit Cobots tiefer in industrielles Terrain vor
ABB Robotics hat eine neue kollaborative Roboterfamilie namens PoWa auf den Markt gebracht und positioniert die Reihe als Antwort auf eine seit Langem bestehende Lücke in der Fabrikautomatisierung. Klassische Cobots werden für ihre Flexibilität und einfache Bedienung geschätzt, ihnen fehlen aber oft die Geschwindigkeit und Traglast für anspruchsvollere Aufgaben. Konventionelle Industrieroboter liefern zwar höhere Leistung, passen aber meist besser in größere, rigidere Automatisierungsumgebungen. Die neue ABB-Reihe ist genau für den Raum zwischen diesen beiden Kategorien gedacht.
Das Unternehmen setzt auf eine einfache These: Die Nachfrage verschiebt sich hin zu kollaborativen Systemen, die schwerere und schnellere Arbeit erledigen können, ohne Hersteller in die Komplexität klassischer Industrierobotik zu zwingen. ABB sagt, dass der globale Cobot-Markt bis 2028 jährlich um 20 Prozent wachsen wird, und richtet sich sowohl an kleinere Hersteller, die mit der Automatisierung beginnen, als auch an große Unternehmen, die die Automatisierung auf Anwendungen ausweiten wollen, die sich mit bestehenden Cobot-Plattformen bislang nur schwer rechtfertigen ließen.
Was PoWa dem ABB-Portfolio hinzufügt
Die PoWa-Familie umfasst sechs Traglastklassen von 7 Kilogramm bis 30 Kilogramm. ABB gibt an, dass die Roboter eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 5,8 Metern pro Sekunde erreichen können, ein Wert, der den Fokus des Unternehmens auf industrielle Leistung und nicht nur auf leichte kollaborative Unterstützung unterstreicht. Die Reihe wurde für kompakte Umgebungen entwickelt, was darauf hindeutet, dass ABB ihre Einführung dort erwartet, wo Stellfläche und Layout-Flexibilität ebenso wichtig sind wie der Durchsatz.
ABB nennt Hochgeschwindigkeits-Maschinenbeschickung, Palettierung, Schraubenanziehen und Lichtbogenschweißen als ideale Anwendungen. Das sind aussagekräftige Beispiele, weil sie zeigen, wo das Unternehmen die Chance sieht. Es geht dabei nicht in erster Linie um Vorführungen oder sanfte Mensch-Unterstützung. Es handelt sich um echte Produktionsaufgaben, die Taktzeit, Wiederholgenauigkeit und genug Traglast erfordern, um Teile und Werkzeuge zu handhaben, die oberhalb der Komfortzone vieler früherer Cobots liegen.
Im Kern versucht ABB, die Definition dessen zu erweitern, was ein kollaborativer Roboter leisten kann. Wenn PoWa hält, was es verspricht, könnten Hersteller schwerere und schnellere Prozesse automatisieren und dennoch einige der Eigenschaften bewahren, die Cobots ursprünglich attraktiv gemacht haben: kompakte Bauformen, einfachere Inbetriebnahme und geringere betriebliche Starrheit.
Das Usability-Versprechen
ABB betont zudem die Zugänglichkeit. Das Unternehmen sagt, PoWa lasse sich über programmierbare Tasten an der armseitigen Oberfläche bedienen und unterstütze No-Code-Programmierung. Außerdem ist es mit einem Ökosystem von Zubehör von Drittanbietern kompatibel. Diese Usability-Schicht ist nicht nebensächlich. Für viele Kunden, insbesondere kleinere und mittelständische Unternehmen am Anfang ihrer Automatisierungsreise, liegen die Hürden oft weniger in der reinen Hardwareleistung als im Integrationsaufwand, in der Verfügbarkeit spezialisierter Fachkräfte und in der Inbetriebnahmezeit.
Andrea Cassoni, Leiter der kollaborativen Roboter bei ABB Robotics, rahmte den Start genau um diesen Spannungsbogen. Kunden wollten höhere Geschwindigkeiten und Traglasten, sagte er, aber auch einfache Bedienung und kompakte Designs. Etablierte Hersteller wollten nach seiner Darstellung schwerere, schnellere Anwendungen automatisieren, ohne die Komplexität konventioneller Industrieroboter-Installationen zu erben.
Diese Positionierung spiegelt eine der zentralen Dynamiken in der industriellen Automatisierung heute wider. Viele Hersteller sind längst über die Phase hinaus, Automatisierung nur am Rand zu testen. Sie wollen Systeme, die messbare Produktivität in engen Räumen und sich verändernden Produktionsumgebungen liefern. Ein Cobot, der einfach zu programmieren bleibt, aber anspruchsvollere Aufgaben übernehmen kann, ist daher aus praktischen und nicht nur aus konzeptionellen Gründen attraktiv.
Warum die Einführung für den Markt wichtig ist
Der Cobot-Sektor ist inzwischen reif genug, dass Differenzierung immer spezifischer wird. Das frühe Wachstum wurde von der breiten Attraktivität sichererer, flexiblerer Roboter angetrieben, die näher am Menschen arbeiten konnten. Die nächste Phase dürfte durch die Anbieter definiert werden, die kollaborative Systeme in Anwendungen drücken können, die einst traditionellen Robotern vorbehalten waren, und dabei zumindest einige der Bereitstellungsvorteile bewahren, die Cobots populär gemacht haben.
ABB setzt mit PoWa genau an diesem Übergang an. Höhere Traglasten, höhere Geschwindigkeiten und anwendungsspezifische industrielle Aufgaben deuten auf einen Aufstieg in der Leistungsfähigkeit hin. Wenn das erfolgreich ist, könnte sich die Bandbreite an Automatisierungsprojekten erweitern, die in Fabriken mit nicht vorhandenem Platzbedarf, Budget oder Prozessstarrheit klassischer großer Roboterzellen als realisierbar gelten.
Auch das Timing des Unternehmens ist bemerkenswert. Die ABB Group kündigte im Oktober 2025 an, ihre Robotik-Sparte für 5,3 Milliarden Dollar an die SoftBank Group verkaufen zu wollen. Vor diesem Hintergrund haben neue Produkte zusätzlichen Stellenwert, weil sie das kommerzielle und strategische Profil des Geschäfts mitprägen. ABB Robotics bleibt mit rund 7.000 Mitarbeitern und einem Portfolio aus Industrierobotern, Cobots und autonomen Mobilrobotern ein wichtiger Akteur. PoWa ist daher nicht nur eine Nischenveröffentlichung, sondern Teil davon, wie das Unternehmen seine Relevanz in einem schnell wachsenden Segment darstellt.
Ein Brückenprodukt für die nächste Automatisierungswelle
Die Kernidee hinter PoWa ist einfach: Hersteller sollten nicht mehr so scharf zwischen leichter Flexibilität und Schwerlastleistung wählen müssen wie bisher. Mit einer Familie, die bis zu 30 Kilogramm trägt und sich mit bis zu 5,8 Metern pro Sekunde bewegt, versucht ABB, Cobots zu brauchbaren Werkzeugen für Aufgaben zu machen, die mehr als sanfte Zusammenarbeit erfordern.
Das hebt die Grenze zwischen Cobots und konventionellen Industrierobotern nicht auf, verkleinert sie aber. Für Fabriken, die eine schrittweise Automatisierung in realen Räumen vorantreiben, könnte diese Verengung der kommerziell wichtigste Teil der Einführung sein. Je mehr Aufgaben von Systemen übernommen werden können, die kompakt, einfacher zu bedienen und dennoch produktionsfähig sind, desto größer wird der adressierbare Markt.
ABB argumentiert, dass die Branche für diesen Schritt bereit ist. PoWa ist ihr Versuch, die dafür nötige Hardware zu liefern.
Dieser Artikel basiert auf einer Berichterstattung von The Robot Report. Den Originalartikel lesen.
Originally published on therobotreport.com







